Simon Derflinger von der Fachhochschule Steyr (Studiengang e-business) führte im Zuge seines Berufspraktikums ein sehr interessantes Interview mit dem CEO von Revolvermänner, Herrn Christian Scherg:

Simon Derflinger: Danke, dass Sie sich für das Interview Zeit genommen haben, Hr. Scherg. Da ich mich dieses Semester in meinem Studium intensiv mit ORM auseinander setze und ich dazu eine wissenschaftliche Arbeit verfasse, möchte ich Sie fragen, wann Sie sich zum ersten Mal mit Reputation Management im Onlinebereich befasst haben. Was war für Sie der ausschlaggebende Punkt?

Christian Scherg: Wir haben uns schon vor Jahren mit dem Thema Online-Reputation-Management beschäftigt. Für uns war klar, dass das Internet eine ganz eigene Wahrnehmung schafft, die nicht so einseitig strukturiert ist, wie beispielsweise durch das Medium Fernsehen. Das Internet bedient sich einer ganz eigenen Architektur von Realität, in der klassische Werbebotschaften gleichwertig mit der subjektive Wahrnehmung von Kunden und aktuellen Berichterstattungen ein facettenreiches Bild zeichnen. Wir als Nutzer entscheiden nach Plausibilität und persönlicher Disposition welchen Informationen wir die größte Gewichtung beimessen. Die Darstellung von Unternehmen ist somit zu allen Seiten hin komplexer geworden und setzt sich aus mehr Faktoren zusammen. Menschen streben nach einer möglichst objektiven Sicht und setzen diese aus vielerlei subjektiv geprägten Informationen zusammen. Hier beginnt professionelles Reputations Management. Kundenmeinung, Kritik und Verfehlungen sind kein unkontrolliertes Risiko, keine Störfaktoren, wenn Sie in die Unternehmenskommunikation integriert werden. Es geht darum, offen und transparent Akzeptanz und Identifikationen zu schaffen, anstelle sich mit aller Macht gegen jede Art von Außeneinflüsse abzugrenzen. Andererseits ist auch mehr Vorsicht und Sensibilität gefragt, da die Halbwertzeit von Informationen durch das Internet weitaus höher geworden ist.

Simon Derflinger: Vielleicht haben Sie von der Aussage Gernot Schieszlers, ehemaliger CFO der Telekom Austria, gehört, die er bei einer Pressekonferenz über den Personalabbau des Unternehmens getätigt hatte. Diese Aussage verbreitete sich umgehend auf YouTube. Über 100,000 Aufrufe innerhalb weniger Wochen. Es kostete ihm schlussendlich seinen Job. Welchen Einfluss haben Dienste wie YouTube ihrer Meinung nach bei der Unternehmensreputation?

Christian Scherg: Solange sich Unternehmen hinter Ihren meterdicken Marketingbotschaften verbarrikadieren, regiert immer die Schadenfreude, wenn entsprechende Statements publik werden. Je höher die Diskrepanz zwischen der hochbudgetierten Werbewirklichkeit und der faktischen Realität ist, umso gravierender ist die Negativwirkung bestimmter Aussagen. Der Einfluss von YouTube erklärt sich in erster Instanz aus der Reichweite. Dass sich 100,000 Nutzer für den Clip interessieren, zeigt wiederum den Einfluss den die Qualität der Aussagen auf das Nutzerverhalten im Internet hat. Das Interesse die Wahrheit zu erfahren, liegt umso höher, desto mehr es den Anschein hat, sie sei aus einer unkontrollierten Entgleisung entstanden. Mit einem Mindestmaß an investigativer Energie durch den Nutzer wird aus dieser Aussage auf YouTube eine kleine Sensation. Das ist die Macht des Internets: Eine unüberlegten Aussage, die mit der Außendarstellung des Unternehmens kollidiert, ein schlechtes Reputationsmanagement und eine reichweitenstarke Plattform genügen, um für ein Unternehmen eine verheerende Wirkung zu entfalten.

Simon Derflinger: Welche Ratschläge geben Sie Unternehmen für eine gut gepflegte Reputation im Internet? Welche Chancen sehen Sie?

Christian Scherg: Offenheit, Transparenz, Ehrlichkeit. Man muss als Unternehmen Fehler einräumen, Defizite diskutieren und darf sich nicht verstecken. Präventiv muss eine grundlegende Sensibilisierung für eine geänderte mediale Situation geschaffen werden. Man muss sich der Nachhaltigkeit bewusst sein, die ein bestimmtes Verhalten gegenüber Kunden, Mitbewerbern oder der Gesellschaft hat. Reputation Management bedeutet nichts anderes, als Verantwortung zu übernehmen und sein Handeln an die vorhandene mediale Situation anzupassen. Dies fällt Unternehmen momentan recht schwer und wird noch nicht konsequent genug umgesetzt. Das Schlimmste sind in diesem Zusammenhang die Versuche vieler Konzerne eine solche Transparenz zu faken, indem Blogeinträge gefälscht und Kundenbewertungen von Mitarbeitern des Unternehmens angelegt werden. Unternehmensblogs werden etabliert, aber nicht gepflegt, sondern Negativkommentare ignoriert oder gelöscht. Damit machen die Unternehmen mehr kaputt, als sie am Ende gewinnen.

Simon Derflinger: Wie helfen Privatpersonen, Tools wie 123people.com, yasni.de oder myON-ID?

Christian Scherg: In erster Linie schärfen diese Plattformen & Suchmaschinen den Blick von Privatpersonen für die Notwendigkeit, auf die eigene Reputation im Netz zu achten. Mit ihnen lässt sich darüber hinaus eine gewisse Ergebnis-Kosmetik betreiben, die je nach Tool aber auch sehr trügerisch ist. Viele User gehen davon aus, wenn Sie die Ergebnisse zu ihrer Person bei Yasni filtern, hätten Sie Ihrem persönlichen Reputation Management Genüge getan. Aufgrund der Tatsache, dass diese Tools aber in der Konsequenz keine Auswirkungen auf die organischen Suchergebnisse haben, ist dies zu kurz gedacht. Wir haben Kunden deren Existenz durch Eintragungen von Dritten nachhaltig zerstört wurde – da reicht es nicht, bei bestimmten Tools einfach ein paar Einträge auszuschalten. MyON-ID ist zukünftig vielleicht eine Ausnahme, weil der User dort Seiten erstellen kann, die auch in Google gelistet werden. Ansonsten sehe ich den Nutzen dieser Tools als rein pädagogische Maßnahme, um die Sensibilität von Privatpersonen für dieses Thema zu erhöhen.

Simon Derflinger: Themenwechsel: Blogs. Noch immer haben viele Personen, mich bisher eingeschlossen, eine Scheu vor dem eigenen Bloggen. Ich war zum Beispiel bisher ratlos, welche Informationen ich bloggen sollte? So auf die Art: „Wer würde sich bloß dafür interessieren?“ Warum sollten Menschen trotzdem diese Möglichkeit zum Informationsaustausch nutzen?

Christian Scherg: Es ist eine Frage der Herangehensweise. Natürlich sind Bogs in erster Linie dazu gedacht, Informationen auszutauschen, allerdings ist es wichtig, den Nutzen eines Blogs klar für sich zu definieren. Viele Nachrichten, Kommentare und Beiträge sind heutzutage einfach nur Ballast und werden auch von den Usern als solcher wahrgenommen. Das Schreiben, um des Schreibens Willen ist für Privatpersonen mittlerweile eine allseits akzeptierte Beschäftigung im Web. Aufgrund der hohen Diversifikation findet sich fast für jeden Blog eine mehr oder minder große Zielgruppe. Die einen schreiben für Ihre Freunde, die anderen für Liebhaber exotischer Gerichte und wieder andere züchten eine spezielle Katzenrasse. Es findet sich für jeden Blog eine geeignete Zielgruppe. Wichtig ist nur, dass dieses Hobby auch wieder Rückschlüsse auf die eigene Person zulässt und man sich sehr genau überlegen sollte, was und wie viel man in einem Blog über sich Preis gibt.

Simon Derflinger: Welcher Vorteil würde sich, Ihrer Meinung nach, für Unternehmen ergeben, einen eigenen Unternehmensblog zu eröffnen?

Christian Scherg: Blogs funktionieren wie ein Frühwarnsystem für Stimmungen. Auf dem eigenen Unternehmensblog lassen sich viele Probleme entschärfen, bevor sie im Internet eine Eigendynamik entwickeln. Für uns ein wichtiges Instrumentarium, um eine Bodenhaftung zu generieren, die viele Kunden bei Konzernen und Großunternehmen vermissen.

Simon Derflinger: In Deutschland ist die Verwendung von Web 2.0 Diensten in der Internet Community weit verbreiteter als in Österreich. Warum glauben Sie, dass Österreich da nachhinkt?

Christian Scherg: Es wird einfach nur eine Frage der Zeit sein, bis Österreich auch in diesem Bereich zu Deutschland aufschließt. Man muss Entwicklungen immer im Gesamtkontext betrachten.

Simon Derflinger: Welches Potential sehen Sie in Österreich? Ist es ein attraktiver Markt für die Web 2.0 Welt?

Christian Scherg: Web 2.0 ist in ein globales Phänomen, deshalb ist grundsätzlich jeder Markt interessant.

Simon Derflinger: Abschließend ein kleiner Word Rap:

Simon Derflinger: Unternehmensreputation?
Christian Scherg: Das wichtigste Kapital eines Unternehmens.

Simon Derflinger: XING?
Christian Scherg: Überbewertet.

Simon Derflinger: Google?
Christian Scherg: Das Schreckgespenst vieler Unternehmen – zu unrecht.

Simon Derflinger: Social Bookmarking?
Christian Scherg: Inflationär durch zu viele Anbieter.

Simon Derflinger: Ziele für dieses Jahr?
Christian Scherg: Wir sind bislang sehr zufrieden.

Danke für das Interview Hr. Scherg und alles Gute!

7 Antworten zu “Online Reputation Management: Interview mit Christian Scherg von Revolvermänner”
  1. Sehr interessanter Beitrag zu einem Thema, dass in Zukunft sicherlich immer wichtiger werden wird.

  2. vor allem wenn man bedenkt, wie sehr die Nutzung des Internets sich immer mehr Richtung Web 2.0 bewegt. Vor einigen Jahren war das noch ein Fremdwort. Jetzt beteiligt sich schon eine ganz große Anzahl an Internetusern am „Mitmach-Web“.
    Da wird der Ruf eines jeden einzelnen, und natürlich auch von Unternehmen immer komplexer aufrechtzuerhalten bzw. wiederherzustellen.

  3. Das Thema ist mehr als nur ein Trend, ich bin jedenfalls bereits einige Male darauf angesprochen worden, sowohl professionell als auch im Bekanntenkreis, aus gegebenem Anlass einer Reputationsgefährdung. Danke für das Interview und den Tipp für MyonID – kannte ich bisher noch nicht!

  4. Das Thema ist jetzt schon sehr wichtig. Die Internetbewegung ist doch eigentlich schon weitest gehend auf Web2.0 ausgelegt. man darf gepannt sein was sich hier raus noch für möglichkeiten ergeben.

  5. Interessantes Interview. Ich denke das Thema wird uns in Zukunft noch weiter beschäftigen. Da man ORM ja auch in umgekehrter Weise, also mit bser Absicht, als Waffe nutzen kann.

  6. Ich finde das ebenfalls sehr wichtig, weil das Internet zum größten Teil auf 2.0 ausgelegt ist. Mal gucken was noch auf uns zu kommt.

  7. Mal im Ernst: Reputationsmanagement und Web 2.0 waren doch schon im März 2009 überholt… Und dass Blogs ein Frühwarnsystem sind, das erkennen die Unternehmen auch heute noch meist erst dann, wenn es schon zu spät ist.

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